Featured Posts

Liebenswürdige Menschen sind gefährlich! Was macht man eigentlich, wenn man den Auftrag hat eine berühmte Persönlichkeit zu fotografieren und am Tag der Wahrheit feststellt, dass die Person um die sich alles...

Readmore

Buchtipp Bewerbungsprofis im Dialog! Bei Ihrer Bewerbung geht es um Werbung! Warum ich Bewerbungsfotograf wurde und wie es mir - fast ohne Aufwand - gelang ein spannendes Buch darüber zu schreiben. Ich bin...

Readmore

Die Krise des Fotojournalismus. (Teil 1)

Posted by admin | Posted in Allgemein | Posted on 04-01-2011

2

„IHRE BILDER SIND ZU DUNKEL!“

Das erzählte mir mal eine leitende Bildredakteurin des Reisemagazins Merian, als ich ihr zwei Fotoreportgagen aus Südafrika präsentierte.

Die Reportage Moderne Sklaverei am Western Cape handelte von der wunderschönen Stadt Stellenbosch, weltbekannt für den Export hochwertiger Rotweine und wohl auch wegen ihrer malerischen Bauwerke und beeindruckenden Berglandschaften eine der wichtigsten Touristenattraktionen Südafrikas.

In Stellenbosch habe ich aber nicht die klassischen „Wineroute-Tours“ im klimatisierten Minibus sondern die „Lawyers Of Human Rights“ mit meiner Kamera begleitet. Die „L.H.R.“ ist eine nach dem Ende der Apartheid gegründete unabhängige Vereinigung von Rechtsanwälten, die sich unter anderem um die arbeitsrechtlichen Belange der farbigen Weinarbeiter kümmert. Denn auch im Jahr 2002, also gut 10 Jahre nach dem offiziellen Ende der Apartheid, lebte und arbeitete ein Großteil der farbigen Bevölkerung Stellenboschs unter menschenunwürdigen Bedingungen auf den Weinfarmen ihrer weißen Herrscher. Vom unvorstellbaren Elend der Farmarbeiter und ihrer Familien, bekommt der Teilnehmer einer „klassischen“ Tourveranstaltung allerdings schlichtweg nichts mit. Im Gegenteil! Die „Tourguides“ tun alles dafür, die oftmals skandalösen Arbeits- und Lebensumstände der farbigen Weinarbeiter zu verharmlosen.

Alptraum in der Traumlandschaft.

Amelie Du Plessis, Rechtsanwältin der “Lawyers of Human Rights”, zeigte mir abseits der millionenfach abfotografierten Postkartenkulissen des Westerncape Menschen, die in bitterster Armut lebten.


test Erst als ich mich bei dem netten Farmbesitzer als “German Tourist” ausgab, durfte ich die Arbeiterinnen bei der Weinernte fotografieren. Foto © Bernd Löber.

Schon bei der ersten „Lagebesprechung“ im Büro der Lawyers of Human Rights, am Stadtrand von Stellenbosch, erzählte sie mir von ihren aktuell zu bearbeitenden Fällen: “Es gab in den letzten Wochen wieder mehrere Farmvertreibungen“, denen sie jetzt nachgehen müsse, erklärte sie mir. Auf meine Frage hin, was denn Farmvertreibungen überhaupt sind, erläuterte sie:

„Farmvertreibungen sind für viele Farmbesitzer auch heute noch eine gängige und gut funktionierende Methode, ihre Arbeiter gefügig zu machen. Viele arbeiten ja nicht nur auf den Farmen sondern leben auch mit ihren Familien in den Häusern der Farmbesitzer. Wenn ein Arbeiter aus welchen gründen auch immer nicht richtig funktioniert, verliert er nicht nur seinen Job sondern auch seine Bleibe. Wer versucht sich gegen die Vertreibung zu wehren, wird notfalls mit Prügel oder auch Waffengewalt vom Hof gejagt.“

Links: Dem Ehemann dieser dreifachen Mutter wurde nach Lohnstreitigkeiten mit dem Farmbesitzer fristlos gekündigt. Danach wurde er gewaltsam von der Farm gejagt. Oben rechts: Die Rechtsanwälte der L.O.R. beraten eine Klientin in Ihrem Haus. Ihr und ihrem Ehemann wurde – ohne Angabe von Gründen – die Arbeit und das Bleiberecht auf der Farm gekündigt. Unten rechts: Winarbeiterinnen auf dem Weg zur sechs Kilometer entfernten Wasserstelle am Stadtrand von Stellenbosch.

Weinarbeiter mit Wasserkanistern in Stellenbosch, Südafrika Weinarbeiter mit Wasserkanistern auf dem Rückweg von einer städtischen Wasserstelle in ihre sechs Kilometer entfernten Farmhäuser.

Als ich die Aktivistin fragte, was den Weinarbeitern denn das weltweit gefeierte Ende der Apartheid gebracht hat, erklärt sie:

“Auf dem Papier sehr viel. Es gibt seit 1995 gleich eine ganze Reihe von Gesetztesänderungen, die die Arbeits- und Lebensbedingungen der einfachen Arbeiter  erheblich verbessern. Das Problem ist nur, dass viele Farmbesitzer nicht viel um Gesetze scheren. 80 Prozent der schwarzen Arbeiter auf den Weinfarmen sind Analpabeten. Viele wissen einfach nicht, dass neue Arbeitsgesetze in Südafrika gibt.”

Doch zurück zu meiner Bildpräsentation bei Merian:

Die Kritik, dass meine Aufnahmen zu dunkel seien, konnte ich nicht auf mich sitzen lassen. “Die Dias sind alle korrekt belichtet. Das die Fotos jetzt hier ein bisschen dunkel kommen, muss am Projektor liegen,” stammelte ich mir zurecht. „Nein, nein Herr Löber, da verstehen Sie mich jetzt falsch“, unterbrach mich die gute Frau. „Technisch ist das alles in Ordnung. Es geht um ihre Fotos. Die sind so traurig, so realistisch. Die haben was schmutziges, eben sehr dunkles. Das finde ich schwierig.“

„Die unglaublichen Zustände auf den Weinfarmen in Stellenbosch sind eine Tatsache. Ich finde es wichtig, dass Menschen, die in diese Gegend reisen wollen, auch darüber etwas erfahren,“ versuchte ich meine Arbeit zu rechtfertigen. Aus Sicht der Bildredakteurin schien das nicht mehr als das naive Statement eines jungen, verzweifelten Fotografen, der seine Felle davonschwimmen sieht, gewesen zu sein.

„Wissen sie,“ unterbrach sie mich, während sie im Fünfsekundentakt auf den Zurückknopf des Diaprojektors klickte. „Wenn ich diese Fotos sehe, dann lese ich jetzt schon die bitterbösen Leserbriefe, die uns nach Erscheinen des Hefts ins Haus flattern. Unsere Aufgabe ist, die Heftmischung so zu gestalten, dass die Menschen sich bewegt fühlen, dieses Land zu bereisen. Ihre Fotos helfen uns da nicht unbedingt weiter.

Mit dem Begriff Heftmischung konnte ich was anfangen. „Genau, es hängt ja auch einiges davon ab, wo und vor allen wie man diesen kritischen Beitrag im Heft unterbringt. Ich sehe mein Weinthema jetzt auch nicht als groß angelegte Titelgeschichte. Aber das ein angesehenes Magazin wie Merian generell davor zurückschreckt auch kritische Bilder und Beiträge zu veröffentlichen, will ich nicht wahrhaben,“ entgegnete ich.

„Nun gut. Einigen wir uns doch darauf, dass ich Ihre Arbeit bei der kommenden Redaktionskonferenz präsentiere. Ich will dem Ganzen ja auch nicht vorgreifen. Trotzdem – und das sage ich ihnen nach mehr als 20 Jahren Berufserfahrung – sehe ich diese Fotos nicht in unserem Heft,“ lautete ihr Urteil.

Von mir kam dazu ein glatt gelogenes „Das finde ich fair.“ Schließlich hatte ich noch eine weitere interessante Arbeit im Diakarussell und ich wahr voller Hoffnung, dass diese viel besser in das geplante Heft über Südafrika passt.

Lesen Sie hierzu einfach TEIL 2

Blog Eintrag mit Freunden teilen:

Comments (2)

Soeben las ich den Titel der Seite und direkt im Anschluss “Ihre Bilder sind zu dunkel”. Ein Lachen konnte ich mir nicht verkneifen. Der Anspruch der Bildredakteure an Fotografien und ihre Wahl zwischen einer guten Autoren-Reportagen und dem schnellen “Knips” aus der Digi-Cam wird scheinbar momentan immer mehr zugunsten des “Knips” entschieden. Ich kenne das aus eigener Erfahrung, gerade auch was Themen angeht die abseits der Skandal- und Schreckensmeldungen liegen und “nur” den “alltäglichen” Wahnsinn in manchen Gegenden dieser Welt aufzeigen. Nur frage ich mich immer wieder, ist es wirklich “der Kunde” der diese Informationen ablehnt? oder aber von Seiten der Medien ein interner Wettlauf vonstatten geht, wer die schlichteste und reißerischste Nachricht bringt. Mit solidarischem Kopfschütteln widme ich mir nun mal genauer ihrer Seite! Beste Grüße,
Thomas

Hallo Thomas, vieklen Dank für Deinen interessanten Kommentar. Ich muss sagen, dass meine Geschichte noch aus dem analogen Zeitalter der Fotografie stammt. Ja, es war eben damals schon abzusehen, dass der Beruf “Reportagefotograf” und das damit verbundende Vorhaben, seine Bilder erfolgreich in Printmedien zu veröffentlichen, ein schwieriges Unterfangen ist. Für diese – aus Fotografensicht schwierige – Entwicklung gibt es sicherlich viele Gründe. Das sich das Ganze nun im digitalen Zeitalter nochmals verschlechtert hat (weil ja jetzt vermeintlich jeder Fotografieren kann) steht außer Frage. Das von mir hier erwähnte Magazin (Merian) kaufe ich übrigens nicht und ich empfehle es auch niemanden weiter. Nicht wegen meiner nicht veröffentlichten Fotos – so ticke ich nicht. Merian und auch das von mir über Jahrzehnte hoch angesehene Geo-Magazin sind mir einfach zu schwach auf der Brust. Unter anderem weil sie sich die Fotos für Ihre Reportagen “clever” bei den großen Bildagenturen zusammenkaufen. Und beim Auswählen des riesig zur Verfügung stehenden Bildmaterials scheint folgende Strategie vorzuherrschen: Preiswert einkaufen und um Gottes Willen nicht beim Leser anecken! Ich wünsche Dir alles Gute fürs Jahr 2012.

lg

Bernd Löber

Post a comment

ALL-INKL.COM - Webhosting Server Hosting Domain Provider